24.07.26
Field Trip

»Zukunft Münster 2050«: Vom mutigen Entwurf zur gebauten Realität

Wie lässt sich ein Wohnquartier weiterentwickeln, ohne seine Bewohner:innen zu verdrängen? Und wie stemmt eine vergleichsweise kleine Baugenossenschaft ein Transformationsprojekt dieser Größenordnung? Beim Field Trip zum IBA’27-Projekt »Zukunft Münster 2050« erhielten die Mitglieder der IBA’27 Friends am 9. Juli 2026 Einblicke in einen umfassenden Planungsprozess – und in den inzwischen deutlich sichtbaren Baufortschritt.

Thomas Bopp, Vorstand der IBA’27 Friends, begrüßte die Teilnehmenden an dem heißen Nachmittag in den Räumen der Baugenossenschaft Münster am Neckar. Anschließend zeichneten deren stellvertretender Vorstandsvorsitzender Manfred Kanzleiter und IBA’27-Projektleiterin Grazyna Adamczyk-Arns die Entwicklung des komplexen Projekts nach: von einem studentischen Ideenwettbewerb im Jahr 2017 über eine Machbarkeitsstudie und ein intensives Beteiligungsverfahren bis zum internationalen Wettbewerb, den PPAG architects aus Wien 2022 für sich entschieden.

Ein Haus aus vielen Häusern

Der Entwurf ersetzt die in die Jahre gekommenen Zeilenbauten entlang der Moselstraße schrittweise durch ein dichtes, sozial und ökologisch ausgerichtetes Quartier mit etwa 195 Wohneinheiten. Das Konzept eines großen »Hauses aus Häusern« verbindet unterschiedliche Wohnungstypen mit gemeinschaftlichen Angeboten und neuen Freiräumen. Vorgesehen sind unter anderem innovative Wohntypologien wie Clusterwohnen oder flexibel zuschaltbare Zimmer, eine Kita, ein Jugendtreff, Räume für Senior:innen, ein Makerspace, ein Gymnastikraum sowie ein Gewächshaus auf dem Dach.

Die gemeinschaftlichen Nutzungen verteilen sich nicht nur auf die Erdgeschosse, sondern auf mehrere Ebenen. Terrassen und begrünte Flächen sollen Regenwasser möglichst lange im Quartier halten. Photovoltaik und Wärmepumpen bilden die Grundlage des Energiekonzepts. Auch die Mobilität wird neu gedacht: Ein niedriger Stellplatzschlüssel, Carsharing und die gute Anbindung an Bus und Stadtbahn sollen dazu beitragen, die Moselstraße langfristig zu einer Lebensader des Quartiers zu machen.

Der erste Bauabschnitt nimmt Gestalt an

Mit dem »Haus am Park« ist der erste Bauabschnitt inzwischen im Bau. Nach der Vorstellung an Plänen und am Modell konnten die Teilnehmenden die räumliche Dimension des Projekts unmittelbar vor Ort auf der Baustelle erleben.

Besonders eindrucksvoll sind die hohen Erdgeschosse, die künftig vielfältige Nutzungen aufnehmen werden. Trotz der städtebaulichen Dichte entsteht eine großzügige Durchlässigkeit: Bereits jetzt lässt sich absehen, wie die verschatteten Bereiche bei jeder Witterung Begegnungen zwischen den Bewohnerinnen und Bewohnern ermöglichen werden. Deutlich spürbar wird zudem die Qualität, die durch die unmittelbare Lage am Grünzug entsteht: Die nach Norden ausgerichteten Wohnungen schauen direkt in die Baumkronen. Die Moselstraße erhält eine klare Gebäudekante und wirkt dadurch zugleich städtisch und weitläufig.

Bis zum IBA’27-Ausstellungsjahr sollen wesentliche Teile des Gebäudes fertiggestellt sein. Damit wird aus einem über Jahre entwickelten Konzept Schritt für Schritt gebaute Realität.

Dass der Weg dorthin Anpassungen verlangt, wurde offen thematisiert. So musste die ursprünglich vorgesehene Holzkonstruktion aus wirtschaftlichen Gründen angepasst werden. Ziel sei es gewesen, das anspruchsvolle räumliche und soziale Programm mit seinen zahlreichen Gemeinschaftseinrichtungen zu erhalten.

Für die Baugenossenschaft mit einem Bestand von rund 650 Wohnungen bedeutet allein der erste Bauabschnitt eine Investition von etwa 30 Millionen Euro. Umso deutlicher wurde beim Besuch, welchen Mut und welche langfristige Verantwortung sie mit dem Projekt übernimmt. »Dieses Haus aus Häusern kann nur eine Genossenschaft bauen und betreiben«, sagte Grazyna Adamczyk-Arns mit Blick auf die besonderen Wohnformen und gemeinschaftlichen Angebote.

Veränderung ohne Verdrängung

Eine zentrale Rolle spielt das Umzugsmanagement. Bewohner:innen der jeweils betroffenen Gebäude erhalten Ersatzwohnungen in der Umgebung und können sich später für eine Rückkehr in den Neubau bewerben. So soll die gewachsene Nachbarschaft trotz der abschnittsweisen Transformation erhalten bleiben. »Wir vertreiben hier niemanden«, betonte Manfred Kanzleiter. Die Baugenossenschaft wolle nicht nur ihre Gebäude, sondern auch ihre über Jahrzehnte entstandene Gemeinschaft weiterentwickeln.

Grazyna Adamczyk-Arns betonte, dass die intensive Beteiligung der Mitglieder bereits im Wettbewerbsverfahren entscheidend war. Ihre Rückmeldungen flossen stufenweise in die Bearbeitung der Wettbewerbsbeiträge und die Entscheidung der Jury ein. Gerade diese gemeinsame Auseinandersetzung habe dazu beigetragen, den ungewöhnlichen und mutigen Entwurf auszuwählen.

Zum Abschluss dankte der Vorstandsvorsitzende der IBA’27 Friends, Wolfgang Riehle, allen Beteiligten für die offenen Einblicke. Der Field Trip zeigte: »Zukunft Münster 2050« ist nicht nur ein großes Bauprojekt. Es ist ein langfristiger gemeinschaftlicher Prozess, bei dem soziale Verantwortung, neue Formen des Wohnens und die Weiterentwicklung eines Stadtteils eng miteinander verbunden sind.
Besonderer Dank muss dabei den Menschen auf dem Bau zukommen, die unter anspruchsvollen Wetterbedingungen das Projekt vorantreiben.

Und natürlich auch ganz herzlichen Dank an alle, die diesen Field Trip ermöglicht haben!

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